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Pilotprojekt schafft Durchblick

Dr. med. Sabine Oertelt-Prigione bear­beitet im Zentrum für Genderforschung an der Berliner Charité ein spannendes Thema – sie betreut ein Pilotprojekt, das sich mit Veröffentlichungen zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei Erkrankungen von Frauen und Männern befasst, das erste seiner Art.

Es vergeht kaum eine Woche, dass wir nicht auf Meldungen zu geschlechtsspezifischer Medizin stoßen – so z. B. jüngst zum Thema Kopfschmerz. Ist die Medizin jetzt verstärkt darauf aufmerksam geworden?

Dr. Oertelt-Prigione:
Es gibt ein wachsendes Interesse in der medizinischen Welt für das Thema Gendermedizin, nicht zuletzt auch deshalb, weil ja die Praxis entsprechende Erfahrungen liefert, z. B. wenn es um die unterschiedliche Wirkung von Medikamenten in der Psychiatrie geht oder um Studienergebnisse aus der Kardiologie, wie sie Professor Dr. Vera Regitz-Zagrosek, die Direktorin unseres Zentrums, vorgelegt hat. Jetzt kommt es darauf an, diese Erkenntnisse zu systematisieren und einem breiten Fachpublikum zugänglich zu machen.

Wie soll das geschehen?


Dr. Oertelt-Prigione:
Unser Institut hat dazu, unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, ein Projekt zur systematischen Klassifizierung der bisher erschienenen Literatur zur Gendermedizin ins Leben gerufen. Daraus soll eine Datenbank entstehen, die allen Interessenten aus Medizin und Forschung zur Verfügung stehen wird. Im November, bei unserem nächsten internationalen Kongress zur Gendermedizin, wollen wir erste Ergebnisse vorlegen.

Was kann eine solche Datenbank bewirken?


Dr. Oertelt-Prigione: Wenn wir akzeptieren, dass eine geschlechtsspezifisch ausgerichtete Medizin dazu beitragen kann, dass Patientinnen und Patienten diejenige Therapie erhalten, die für sie, ob Mann oder Frau, die richtige ist, dass diese Patienten die richtigen Medikamente in der richtigen Dosierung erhalten, vielleicht auch die geeignete Physiotherapie, die ihrem Geschlecht, aber auch ihrem Alter entspricht, so sagt das schon viel über den Nutzen einer genderorientierten Medizin aus und somit auch einer solchen Datenbank. Sie gibt nicht nur Einblick in den Stand der Forschungen – und hier stehen wir ja ganz am Anfang –, sondern offenbart auch die Lücken, liefert Ansätze für neue Fragestellungen und Kooperationen.

Was können Frauen tun, um solch ein zunächst ja vor allem wissenschaftliches Anliegen zu unterstützen?

Dr. Oertelt-Prigione: Als Versicherte und Patientinnen können sie Druck machen: Die beste Medizin für sie ist diejenige, die einen Genderansatz hat. Je mehr Frauen nachfragen, um so hellhöriger werden auch Ärztinnen und Ärzte in Bezug auf dieses Thema!