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Mammographie-Screening:
Umfassend informieren - dann entscheiden!

Mammografiearbeitsplatz
Mammografiearbeitsplatz
Das deutsche Mammographie-Screening-Programm begeht in diesen Tagen seine fünfjährige Existenz und die (schrittweise erfolgte) Umsetzung in den Bundesländern. Ein Grund zum Feiern für die engagierten Protagonisten, die es im Zusammenwirken von Medizinern, Selbsthilfeverbänden und Politik geschafft haben, diese Riesenaufwendung für das Gesundheitssystem zu stemmen. Mehr als 9 Millionen Frauen zwischen 50 und 69 Jahren wurden angeschrieben und zum Screening eingeladen, etwa 54 Prozent sind dieser Aufforderung gefolgt. Das ist bisher nicht nur für Deutschland einmalig. Dennoch wird über den Nutzen dieser Maßnahme kontrovers diskutiert. Im Pro und Kontra die gegensätzlichen Positionen.

PRO:
„Mit dem Mammographie-Screening kann Brustkrebs so frühzeitig erkannt werden, dass Frauen beste Chancen für eine Heilung haben. Mehr als drei Viertel der Frauen, bei denen Brustkrebs im Rahmen des Mammographie-Screenings entdeckt wird, haben keine befallenen Lymphknoten und keine Metastasen. Neben den besseren Heilungschancen profitieren sie zudem von einer weniger belastenden und meistens brusterhaltenden Therapie. Das zeigt den unbestreitbaren Nutzen des Screenings. In Deutschland gab es noch nie eine qualitativ so hochwertige und zuverlässige Brustkrebsfrüherkennung wie das Mammographie-Screening-Programm."

Dr. Wolfgang Aubke, Beiratsvorsitzender der Kooperationsgemeinschaft Mammographie
 
„Wesentlich häufiger werden kleine Tumoren aufgespürt. Der Anteil der invasiven Karzinome von einer maximalen Größe bis 10 mm liegt im Screening bei gut 30 %. Vor Einführung des Mammographie-Screenings waren es nur rund 14 %. Bei mehr als zwei Drittel (76,7 %) aller im Programm entdeckten invasiven Karzinome waren die Lymphknoten noch nicht befallen. Vor dem Screening lag der Wert mit 49 % deutlich darunter.
Was bedeuten diese Befunde für die Betroffenen? Für Frauen mit kleinen Tumoren, die nicht gestreut haben, bestehen die besten Chancen geheilt zu werden. Sie profitieren außerdem von einer schonenderen und meist brusterhaltenden Therapie. Das ist ein deutlicher Gewinn für die Frauen."

Prof. Dr. Diethelm Wallwiener,
Ärztlicher Direktor Universitäts-Frauenklinik Tübingen,
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Senologie
(Aus den Statements beider Wissenschaftler bei der Festveranstaltung „Fünf Jahre Mammongraphie-Screening-Programm in Deutschland", Berlin, 18. Mai 2010)

KONTRA:
„Frauen in Deutschland überschätzen den Nutzen des Mammographie-Screenings immens. Untersuchungen haben gezeigt, dass viele glauben, damit eine Erkrankung verhindern zu können. Das Problem aber liegt darin, dass sich das Risiko, eine Diagnose zu bekommen, durch das Screening erhöht. Es werden Krebse gefunden, die man ohne Screening nicht gefunden hätte und die den Frauen niemals Probleme gemacht hätten. Das bedeutet - unnötige Diagnostik und Therapie, unnötige Kosten, unnötige Ängste vor allem. Dies könnte bis zu 50 von 100 durch Screening entdeckte Fälle betreffen! Ein generelles Problem ist es auch, dass die bisher vorliegenden Daten zum Nutzen des Screenings nicht ausreichen. Die vertrauenswürdigsten Analysen liegen aus einem Cochrane Review vor: Von 2000 Frauen zwischen 50 bis 69 Jahren stirbt in 10Jahren eine Frau weniger an Brustkrebs. Gleichzeitig erhalten 10 dieser 2000 Frauen eine Brustkrebsdiagnose und Behandlung, die sie ohne Screening nicht erhalten hätten (sog. Überdiagnosen und Übertherapien). Jede 5. Frau erhält im Verlaufe von 10 Jahren (5 Screening-Runden) mindestens einen Verdachtsbefund. Die Gesamtkrebssterblichkeit bleibt gleich.
Bezogen auf die etwa 10 Millionen Frauen in Deutschland im Alter zwischen 50 und 69 Jahren, für die das Mammographie-Screening vorgesehen ist, hätten demnach durch Screening über 10 Jahre jährlich 500 Frauen eine Lebensverlängerung, 5000 Frauen jährlich erhielten jedoch ungerechtfertigt eine Brustkrebsdiagnose und Behandlung und
200.000 Frauen jährlich müssten mit mindestens einem weiter abklärungsbedürftigen Befund rechnen.
Das A und O sollte deshalb eine umfassende Information der betreffenden Frauen sein, damit eine Entscheidung auf der Grundlage von Fakten erfolgen kann, die auch die Risiken mit einbeziehen.
Wir haben deshalb  eine Patienteninformation erarbeitet, die u. a. von Barmer GEK und Techniker Krankenkasse genutzt wird, Herausgeberin ist Nationale Netzwerk Frauen und Gesundheit, über deren Website kann sie bezogen werden http://www.nationales-netzwerk-frauengesundheit.de
Selbst das Nationale Screeningprogramm hat kürzlich eine verbesserte Informationsbroschüre auf der Internetseite verfügbar gemacht, und der Gemeinsame Bundesausschuss hat nun ein überarbeitetes Informationsblatt für die Frauen aufgelegt. Es werden darin erstmals auch Daten zum möglichen Schaden des Screenings genannt.

Screeningprogramme entstehen durch Druck der Stakeholder auf die Politiker. In Deutschland waren es insbesondere die von Brustkrebs betroffenen Frauen, die die Politiker massiv unter Druck gesetzt hatten, ein flächendeckendes Mammographie-Screening Programm einzuführen. Das Screening ist allerdings nicht für die Brustkrebs-Patientinnen relevant, sondern für die gesunden Frauen. Andererseits ist eine qualitätsgesicherte Mammographie, wie sie heute im Screening angeboten wird, besser als ein nicht-qualitätsgesicherte, so wie es früher in den Arztpraxen erfolgte."
 

Univ.-Prof. Dr. med. Ingrid Mühlhauser
Universität Hamburg, MIN Fakultät, Gesundheitswissenschaften